Schlank durch Karate ?

Quelltext: Bayerischer Karate Bund

Eine Trainingsbeobachtung aus dem Bereich der „Jukuren“

Einleitung und Fragestellung:

Weithin bekannt ist die Tatsache, dass zur Reduktion des Körpergewichts eine negative Energiebilanz notwendig ist; dabei müssen vorallem zwei Parameter beachtet werden: Einerseits die Verringerung der zugeführten Energie durch Nahrung, also „Fasten“ im eingeschränkten Sinne, andererseits die Erhöhung des Energieverbrauches durch vorallem körperliche Aktivität.

Unter der Fragestellung, wie hoch der Energieverbrauch während eines Karatetrainings einzuschätzen sei, wurden im Breitensporttraining des 1. Shotokan – Karate – Zentrums Forchheim e.V. 16 Aktive während üblicher Trainingseinheiten untersucht. Da sich vorallem die lebenserfahrenen „Jukuren“ bei Ankündigung der Tests interessiert zeigten, lag die Konzentration auf dieser Altersgruppe.

Probanden und Untersuchungsmethodik:

3 Sportlerinnen und 13 Sportler mit einem Durchschnittsalter von 48 Jahren (54 bis 42 Jahre) nahmen an den Untersuchungen teil. Um annähernd vergleichbaren körperlichen Einsatz zu gewährleisten, wurden nur Oberstufen- oder Dangraduierte berücksichtigt, wobei die Spanne vom 2. Kyu bis zum 5. Dan reichte. Die Trainingsinhalte wurden beliebig von den jeweiligen Trainern vorgegeben ohne vorherigen Hinweis auf die Untersuchungssituation, entsprachen also unbeeinflußtem Breitensporttraining.Zur Erfassung der Trainingsbelastung diente ein herkömmliches Pulsmessgerät, das Modell FT 7 der Firma Polar, welches mittels Brustgurt und Sender kontinuierlich die Herzfrequenz aufzeichnet und durch ein internes Programm neben der Pulsfrequenz unter anderem auch den Kalorienverbrauch angibt. Laut Herstellerangaben erfolgt die Herzfrequenzbestimmung dabei „Ekg – genau“.

Für jeden Probanden wurden vorab die individuellen Kenngrößen Alter, Gewicht, Größe und Geschlecht in das nur 34 g schwere Empfängerteil eingegeben. Aus Praktikabilitätsgründen wurde diese „Armbanduhr“ am Rücken in den Gürtel mit eingebunden:

Mit Start des Gymnastik – Aufwärmprogramms begannen die kontinuierlichen Aufzeichnungen, beendet wurden diese nach dem traditionellen Abgrüßen. Keiner der Probanden sah sich durch Brustgurt oder Empfängereinheit in seiner Fähigkeit zu trainieren eingeschränkt. Die Übungspartner der Karateka wussten in aller Regel nichts von der Untersuchungssituation, verhielten sich also dem Probanden gegenüber wie immer, gerade im Kumite. Die Trainingseinheiten dauerten zwischen 90 und 120 Minuten.

Ergebnisse:

Die mittleren Herzfrequenzen (HF mittel) während des Trainings betrugen zwischen 94 und 148 Schlägen pro Minute (Durchschnitt 127 pro Minute), die höchsten (HF max) zwischen 144 und 186 pro Minute (Durchschnitt 168 pro Minute):

Die jeweils für eine Trainingseinheit errechnete Kilokalorienzahl (kcal) lag zwischen 426 und 1402 kcal / Training (Durchschnitt 913 kcal). Es errechnete sich ein durchschnittlicher Kalorienverbrauch von 584 kcal / Stunde Karatetraining, auf das Körpergewicht (KG) bezogen 7,27 kcal / kg KG pro Stunde.

Diskussion und Zusammenfassung:

Die ermittelten Werte zeigen eine hohe interindividuelle Variabilität: naturgemäß sind bei jedem sportlichen Training Belastungen und Belastungsantwort des Übenden von zahlreichen Faktoren abhängig, z.B. den Trainingsinhalten, Belastungs- und Pausenfolgen, emotionalen Faktoren, Tageszeit, Außentemperatur u.v.a.m. Diese und ihre zudem abermals individuellen Folgen auf Herz – Kreislauffunktionswerte sind nicht einmal annähernd erfassbar. Demzufolge sind lediglich Tendenzen und somit die Durchschnittswerte von Interesse, um Beanspruchungen durch Karate auch angesichts der ermittelten Werte einzuschätzen. Wie aus früheren Untersuchungen bereits bekannt (6), zeigt auch die vorliegende Beobachtung teils erstaunlich hohe Herzfrequenzen, die beim Karatetraining auch in der untersuchten Personengruppe „mittleren Alters“ (Altersdurchschnitt 48 Jahre) erreicht wurden. In Einzelfällen wurden eine maximale Herzfrequenz von 186 Schlägen / Minute bei einem 51jährigen (Proband Nr. 5) oder eine durchschnittliche Pulsfrequenz von 148 / Min. bei einem 54jährigen (Proband Nr. 4) über 90 Minuten Training ermittelt.

Da die Trainingseinheiten zwischen eineinhalb und zwei Stunden andauerten, scheint Karate also auch geeignet, zumindest Mittelzeitausdauer (Belastungsdauer 2 bis 10 Minuten) und Langzeitausdauer 1 (10 bis 35 Minuten) bzw. 2 (35 bis 90 Minuten) (2) zu verbessern. Ob und wielange dabei in aeroben oder anaeroben Trainingsbereichen gearbeitet wird, sollte Fragestellung in aufwändigeren Untersuchungen sein: biochemisch – medizinische Studien, etwa als Dissertationen seien angeregt.
Von besonderem Interesse war die verstoffwechselte Energiemenge, „der Kalorienverbrauch“. Gleichwohl hier mittels des systemeigenen Programmes nur annähernde Werte errechnet werden können, erweitern diese dennoch ebenfalls die Beurteilungsmöglichkeiten des Karatesports. Entscheidend sind auch hier nicht Absolut- sondern Relativwerte. Praxisbezogen wurden die physiologischen Brennwerte in Kilokalorien (kcal) angegeben, weil dies volkstümlicher ist als die dem Système international d’unités (SI) entsprechende Einheit Kilojoule kJ.

Im Einzelfall (Proband Nr. 5) wurden über 1400 Kilokalorien in einer Trainingseinheit verbraucht; dieser Wert ist natürlich u.a. von Trainingsdauer und Gewicht des Probanden abhängig. Der Kalorienverbrauch der untersuchten Teilnehmer schwankte pro Trainingsstunde zwischen 4,2 und 9,2 Kilokalorien pro Kilogramm Körpergewicht, im Mittel wurden 7,3 Kilokalorien pro Kilogramm Körpergewicht in einer Stunde Karatetraining „verbrannt“.

Eine 70 kg schwere Person der untersuchten Altersgruppe verbraucht folglich pro Stunde Karatetraining im Durchschnitt rund 510 Kilokalorien. Damit ist Karate einzuordnen etwa wie Inline – Skating (5) oder Bergwandern (4), zugleich intensiver energieverbrauchend als z.B. Aerobic (6,0 kcal / kg KG / Stunde) oder Tennis (6,6 kcal / kg KG / Stunde) (1). Zum Vergleich: Eine 100 g – Tafel Vollmilchschokolade wird mit rund 560 kcal angegeben, 100 g Gummibärchen mit ca. 330 kcal (3).
Zusammenfassend darf Karate im Jukuren – Altersbereich auch unter den Gesichtspunkten Herz – Kreislauftraining und Kalorienverbrauch als empfehlenswerte lebensbegleitende Sportart angesehen werden. Zwei „Faustregeln“ – bewußt populärwissenschaftlich formuliert – mögen gelten:

„Karate trainiert Herz und Kreislauf.“

und

„Eine Stunde Karate verbrennt 500 Kilokalorien.“

Von Interesse sind Ergebnisse anderer Kollektive, z.B. von Leistungs- und Hochleistungssportlern. Abermals wird angeregt, derartige Studien im Rahmen universitärer Untersuchungen durchzuführen.

Literatur beim Verfasser:
Dr. med. Oliver Schnabel
Am Linsengraben 4
D – 91301 Forchheim